Nur noch selten lese ich Kurzgeschichten. Früher, als junges Mädchen, habe ich sie gemocht. Doch mittlerweile sind mir Romane lieber. 

Weil ich aber wissen wollte, wie die Gewinnerin des Literaturnobelpreises Alice Munro schreibt, kaufte ich mir ein Buch von ihr: „Himmel und Hölle“. In einem Interview mit ihr hatte ich gelesen, dass sie Kollegen bewundere, die Romane schreiben könnten. Bei ihr kämen immer nur Kurzgeschichten heraus. Sie wüsste gar nicht, wie man das macht, einen Roman schreiben. Sinngemäß hatte sie das gesagt. 

So viel Bescheidenheit bei einer Schriftstellerin, die gerade den Nobelpreis gewonnen hat? Neugierig begann ich „Himmel und Hölle“ zu lesen. Kurze Zeit später war ich fertig und ging ich in die Buchhandlung um drei weitere Bücher von Alice Munro zu kaufen: „Wozu wollen Sie das wissen?“, „Zu viel Glück“ und „Tricks“. Ich hatte Glück, dass wir ohnehin gerade in Urlaub fahren wollten. Die drei Büchlein (erschienen in der wunderbaren handlichen  Fischer TaschenBibliothek) wanderten ins Gepäck. Ich las sie alle drei in der einen Woche, die wir in der Wüste verbrachten 

Seitdem denke ich immer an Alice Munro, wenn ich gerade einmal wieder nach einer passenden Formulierung suche. Ist Stil ist so klar, ihre Personen sind so lebendig – von der ersten Zeile an. Dabei wirkt es jederzeit so, als erfinde sie nichts. Als sei alles genau so passiert. Als würden normale Menschen von ihren mehr oder weniger normalen Leben erzählen. Die Geschichten lesen sich so leicht, dass ich immer denke, sie müssten auch leicht zu schreiben sein. 

Natürlich weiß ich, dass das Gegenteil der Fall ist. Dass es harte Arbeit ist, diese Leichtigkeit des Stils zu finden und dabei auch noch so zu fesseln, wie Alice Munro es tut. So dass man jedes Mal ein bisschen traurig ist, wenn eine Geschichte vorbei ist. 

Die Originale kenne ich (bis jetzt) noch nicht. Ich habe die Übersetzungen von Heidi Zerning gelesen, einer Berlinerin, die das Gesamtwerk von Alice Munro übersetzt hat und nun, dank Nobelpreis, auch ein wenig ins Rampenlicht gerückt ist. Auf tagesspiegel.de findet man einen interessanten Artikel über sie, in dem sie unter anderem erklärt, dass sie die Erzählungen vor der Übersetzung nicht durchliest: „Weil die Geschichten so von der Spannung leben, oft eine ganz überraschende Wendung nehmen, hat sie Angst, ungewollt etwas zu verraten. Um die Beiläufigkeit zu wahren, dürfe sie nicht mehr als der Leser wissen. „Ich muss mir die Naivität und Neugier bewahren.“ 

Dort steht auch ein Zitat des großen Erzählers Jonathan Franzen, der sagte, Alice Munro schaffe auf 30 Seiten, wofür er 800 braucht. Wenn wir für unser eigenes Schreiben nach Vorbildern in der Literatur suchen, sollten wir vor einer Nobelpreisträgerin nicht zurück schrecken. Auch die Übersetzerin Heidi Zerning hat ihren Stil übrigens an großen Literaten geschult, an Thomas Mann, Feuchtwanger, Werfel und Theodor Fontane zum Beispiel.

Die fiktiven Erzählungen von Alice Munro sind ein guter Lesetipp für Menschen, die ihre eigene Lebensgeschichte aufschreiben wollen. Sie sind oft in der Ich-Form geschrieben bzw. aus der Perspektive einer Hauptperson und schildern meistens den Wendepunkt in der Biografie dieses Menschen. Oft geht es nur um wenige Tage oder die Ereignisse eines Sommers oder eines Jahres. Manchmal überblickt der Erzähler oder die Erzählerin auch ein ganzes Leben und schildert im Rückblick, was ihm oder ihr damals passiert ist.

Ein Buch, nämlich „Wozu wollen Sie das wissen?“, trägt den Untertitel „Elf Geschichten aus meiner Familie“. Die Kanadierin Alice Munro hatte einige Monate in Schottland verbracht, dem Land, aus dem ihre Vorfahren stammen, und dort zu ihrer eigenen Familiengeschichte recherchiert. Im Vorwort schreibt sie: „Ich fügte über die Jahre hin all dieses Material zusammen, und, nahezu ohne dass ich merkte, was geschah, fing es an, von sich aus hier und da so etwas wie Geschichten zu bilden. Einige der Personen überließen mir ihre eigenen Worte, andere entstanden aus ihren Lebenslagen. Ihre Worte und meine Worte, eine seltsame Neuerschaffung persönlichen Lebens in vorgegebenen Umständen, so wahrheitsgemäß geschildert, wie es unsere Vorstellung von der Vergangenheit irgend zulässt.“

Sie hat aus dem Material keine Biografie oder Familiengeschichte geschrieben, denn diese Personen „nahmen ihr eigenes Leben, ihre eigene Gestalt an und taten Dinge, die sie in Wirklichkeit nicht getan hatten. (…) Einige der Personen haben sich sogar so weit von ihren Anfängen entfernt, dass ich nicht mehr weiß, wer sie ursprünglich waren.“ Soviel künstlerische Freiheit darf sein. Es gibt schließlich keine Vorschrift dafür, wie das Ergebnis unserer eigenen biografischen Erkundungen aussieht.

Übrigens denke ich, dass Alice Munro durchaus in der Lage wäre einen Roman zu schreiben. Sie will vermutlich einfach nicht.