So kann’s gehen: da haben wir Menschen geglaubt, zumindest unsere Krisen seien hausgemacht und typisch menschlich. Vor allem die Midlife-Crisis, seit den 70er Jahren in aller Munde und spätestens im Lebenslauf ab Mitte 30 zuständig für Kapriolen aller Art. Leugnen lässt es sich sicher nicht, dass in der Mitte des Lebens die Anfälligkeit für psychische Störungen zunimmt. Nachdem man die Pubertät mit Ende 20 glücklich hinter sich gebracht hat, hat man gerade einmal 15 bis 20 Jahre lang Ruhe, bis es erneut losgeht mit Türenknallen oder exzessivem Schweigen. Die Frage nach dem Sinn des Lebens kommt dann mit aller Macht zurück, zum Beispiel, wie ein Bekannter einst erzählte, beim Umgraben des Schrebergartens: Was mache ich hier eigentlich? Kinder durch die Gegend fahren, Mäuler abwischen und stopfen, irgendeinen Vereinsvorstand wählen und sich selbst zum Kassenwart ernennen lassen … und wofür das alles? Wo bleibe ICH? Das gewählte Lebensmodell scheint der Selbstentfaltung plötzlich im Wege zu stehen. Glücklich derjenige, der ohne größere Schäden für sich und die Seinen daraus hervorgeht.

Letztlich schien es doch so zu sein, dass die Gesellschaft irgendwie an allem Schuld ist. Und wenn nicht die Gesellschaft so doch zumindest die Anstrengungen im Zusammenhang mit der Monogamie oder die hohen Ansprüche an sich selbst oder auf jeden Fall die Konflikte zwischen den diversen sozialen Rollen.

Pustekuchen.

Wie Wissenschaftler herausgefunden haben, sind Schimpansen und Orang-Utans, die uns zwar genetisch recht ähnlich sind aber bekanntlich ein anderes Lebensmodell haben als wir Menschen (und keine Schrebergärten) auch häufig von einer Midlife-Crisis betroffen. Um das herauszufinden hat man 336 Schimpansen und 176 Orang-Utans befragt – das heißt, eigentlich hat man die Tierpfleger befragt, die den Gemütszustand ihrer Schützlinge einstufen und sich selbst in sie hinein versetzen sollten – so gefühlsmäßig: Mit welchem Affen könnten sie sich vorstellen mal für eine Woche die Existenz zu tauschen? Das Ergebnis war erschütternd: Im Durchschnitt mit Anfang 30 stecken unsere genetischen Verwandten häufig in einer Gemütskrise. Berücksichtigt man die geringere Lebenserwartung der Menschenaffen entspricht dies ziemlich genau dem statistischen Höhepunkt unserer menschlichen Midlife-Crisis.

„Täte ich auch, wenn ich hinter Gittern säße“ könnte man jetzt antworten und das ist natürlich korrekt, denn freilebende Menschenaffen blieben in der Studie außen vor. Die Forscher folgern dennoch, dass es vielleicht biologische Ursachen für die Krise in der Lebensmitte gibt. Eine Umstrukturierung der Wohlfühlzonen des Gehirns zum Beispiel, die sich bei allen Arten ähnlich verändern. Dass es spezielle Gehirnbereiche gibt, die für das Wohlbefinden zuständig sind war mir neu, aber ich finde die Idee durchaus anregend. Und die gute Nachricht ist: auch bei den Menschenaffen geht es statistisch gesehen nach dem Tiefpunkt wieder aufwärts, selbst wenn Zoo, Käfig und Mitgeschöpfe dieselben bleiben und sich äußerlich rein gar nichts verändert. Das Gehirn ist anscheinend elastisch und die Anpassungsfähigkeit sehr groß.

Und was lernen wir daraus? Die Flucht in andere Lebensumstände ist nicht unbedingt der logische Ausweg aus einer Lebensmittenkrise. Vielleicht braucht es einfach viel Geduld mit sich selbst und den eigenen Schwächen – und Zeit für einen Zoobesuch.

Das Foto zeigt einen Ceylon Hutaffen ©SusannePopp